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Frühe Alpinistinnen in den Dolomiten 1870–1930

Heute im Rückblick und basierend auf den jüngsten Forschungsergebnissen zu „Frauen im Aufstieg“ (Ingrid Runggaldier) kann man die damalige Situation nur mehr vordergründig als „reine Männerdomäne“ bezeichnen. Nur auf die erste Betrachtung hin, weil die allergrößte Zahl der Erstbesteigungen durch Männer erfolgt ist und die allermeisten Lichtbilder von Fotografen gemacht worden sind. Zudem wird Bergsteigerinnen Unweiblichkeit und eigene Gesundheitsgefährdung vorgeworfen, und auch die Geschichtsschreibung des Alpinismus ist durch das „starke“ Geschlecht verfasst worden – wo konnte da also das (vermeintlich) „schwache“ Geschlecht vorkommen? Noch dazu, wenn es diesem gar nicht darum ging, in der Öffentlichkeit zu stehen. Hintergründig könnte man behaupten, dass bergsteigerische Leistungen mit langem sperrigem Rock sogar noch etwas höher anzusetzen sind als Erklimmungen durch die Männer in Hosen; und bei genauer Recherche lassen sich gar nicht so wenige Frauen finden, die in den frühen Alpinismus einzuordnen sind. Übrigens wurden Hosen für Frauen zunächst als skandalös angesehen, gegen Ende des 19. Jahrhunderts lösten endlich breite Hosen („Bloomers“) die Röcke ab. In der zeitlichen Übergangsphase hat die Engländerin Lucy Walker 1871 als erste Frau den Gipfel des Matterhorns erreicht und einen anderen Ausweg gewählt: nämlich den lästigen Rock hinter einem Felszacken zu verstecken und dann im leichten knöchelfreien Unterrock weiter zu klettern …

Zugegebenermaßen konnten innerhalb der damaligen gesellschaftlichen Konventionen – und wir sprechen hier von der zweiten Hälfte des 19. bis weit in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein – nur jene Frauen aus der Enge ausbrechen, die gebildet, wirtschaftlich unabhängig und/oder unverheiratet und/oder als Töchter/Schwestern/Freundinnen/Ehefrauen von der unmittelbaren Verwandtschaft bzw. der männlichen Partnerschaftsseite auf die Bergtouren mitgenommen worden sind. Und dieses Ausbrechen ist das eigentlich Revolutionäre innerhalb der allgemeinen Emanzipationsbewegung, nicht das pure Besteigen der Berge. Übrigens sind auf Frauenseite mit Abstand erheblich mehr Touristinnen unterwegs als Einheimische. Als erste Reiseschriftstellerin gilt die die Dolomiten 1872 durchwandernde Engländerin Amelia Edwards. Einmalig ist wohl die Irin Aubrey Le Blond, geb. Elizabeth Whitshed (1860–1934), die nicht nur den Mont Blanc bestiegen und sehr gut fotografiert, sondern auch 1907 in London den „Ladies Alpine Club“ gegründet hat – nachdem das „männliche“ Pendant „Alpine Club“ keinesfalls Frauen als Mitglieder aufnehmen wollte.

Und wenn vielleicht auch die eine oder andere unbekannt gebliebene Frau schon vorher auf einem Dolomitengipfel gestanden sein mag: Sicher ist, dass die 21-jährige Schluderbacher Hotelierstochter Anna Ploner als erste Frau 1874 den Monte Cristallo bezwungen hat – und damit nur neun Jahre nach der Erstbesteigung durch Paul Grohmann, Angelo Dimai und Santo Siorpaes.

 

Käthe Bröske (1870–1929)

Beruflich Pianistin in Berlin ist Käthe Bröske viel in den Dolomiten unterwegs, wo sie etwa mit dem Bergführer Tita Piaz aus dem Fassatal klettert. So erklimmt sie 1906 erstmalig den dritten und vierten Sellaturm und überschreitet zwei Jahre später gar zum ersten Mal alle sechs Vajolet-Türme von Westen nach Osten an einem Tag. Laut Piaz sei sie „ganz verrückt nach den Bergen“ gewesen und die „beste Bergsteigerin, die ich am Seil führte“.

 

Emmy Eisenberg (1888–1980)

Als jung, charmant und intelligent beschrieben ist sie als eine Freundin und Kletterpartnerin des berühmten Paul Preuß (1886–1913) – dem Erfinder des Freikletterns ohne Seil und Haken – alpinistisch erfolgreich. Wobei Preuß Frauen – abseits seiner Seilpartnerinnen – vorurteilsbehaftet als „Ruin des Alpinismus“ bezeichnet hat. Später klettert Emmy, die aus einer vornehmen Wiener Familie stammt, mit Emilio Comici oder Mary Varale. 1928 gelingt ihr die Erstbesteigung der „kleinsten Zinne“, des sog. „Preußturms“.

 

Ilona und Rolanda von Eötvös (1880–1945, 1878–1953)

Die ungarischen Baronessen Eötvös verbringen Teile der Sommer in Cortina d’Ampezzo und Schluderbach, der Vater ist international bekannter Naturwissenschaftler und ungarischer Unterrichtsminister. Die Schwestern bleiben unverheiratet, gehören den vornehmsten Kreisen an und bilden mitunter eine reine Frauenseilschaft ohne Bergführer oder andere Kletterpartner. Die wichtigsten Erstbesteigungen sind die Südwand der Tofana di Rozes 1901 sowie die Südwand der Grohmannspitze 1908; letztere mit den Bergführern Antonio Dimai und Johann Summermatter.

 

Jeanne Immink (1853–1929)

Die Holländerin Jeanne Immink ist eine hervorragende Alpinistin, die etwa Theodor Wundt auf den Drei Zinnen in ihren sportlichen Hosen in einer gefährlichen anstrengenden Fotosession verewigt – Immink beschreibt diese als „zwölfstündige photographische Aufnahme ohne Unterbrechung“. Sie besteigt u.a. 1891 als erste Frau die Fünffingerspitze, 1893 mit den Bergführern Sepp und Veit Innerkofler in der Rekordzeit unter zwei Stunden die Nordwand der Kleinen Zinne und 1894 das Matterhorn, letzteres gemeinsam mit Wundt und dessen Frau Maud sowie dem Bergführer Johann Niederwieser, genannt „Stabeler“, aus Sand in Taufers. Sie ist sogar in der Lage, in Rekordzeiten mehrere Gipfel innerhalb von 24 Stunden zu bezwingen.

 

May Norman-Neruda (1867–1945)

Mit ihrem Ehemann Ludwig besteigt die sehr gute, zierliche, britische Alpinistin zahllose Gipfel in der Pala-, Langkofel- und Rosengartengruppe. Vor der Kletterei lassen sie die schweren Bergschuhe oder unnötigen Proviant unter Mays Rock unter Steinen am Einstieg zurück – May kletterte wohl mit bequemen Hosen. 1898 muss sie miterleben, dass Ludwig an der Fünffingerspitze tödlich verunglückt. May macht aber weiter und kann als Vorreiterin des modernen Klettersports gelten (Ingrid Runggaldier) – 1904 folgt zum Beispiel die Erstbesteigung der Tre Sorelle in der Sorapisgruppe bei von Cortina d‘Ampezzo, mit Una Bell und den Bergführern Arcangelo Siorpaes und Cesare Menardi.

 

Anna Ploner (1853–1926)

Sie ist die bergbegeisterte Tochter des Hoteliers Georg Ploner aus Schluderbach im Höhlensteintal südlich von Toblach. Ploner steht mit ganzen 21 Jahren, geleitet vom erfahrenen Bergführer Michl Innerkofler, am 15. September 1874 als erste Frau auf dem Monte Cristallo, ganze vier Tage später mit Innerkofler und Luigi Orsolina auf dem Gipfel der Großen Zinne. Dies hat damals großes Aufsehen erregt – ein „Frauenfuß“ auf diesen Bergspitzen.

 

Beatrice Tomasson (1859–1947)

Die hervorragende selbstbewusste Bergsteigerin aus England finanziert ihre Kletterleidenschaft durch Sekretärinnenjobs bei Adeligen. Tomasson ist unverheiratet und finanziell unabhängig, übrigens u.a. die Gouvernante und Kletterpartnerin von Edward Lisle Strutt, des späteren Präsidenten des Londoner Alpine Clubs. Sie kann zahlreiche Besteigungen im Rosengarten- und Ortlergebiet (erste Durchsteigung der vereisten Nordostwand des Zebrù), in der Brenta und an den Geislerspitzen sowie in der Langkofel- und Palagruppe vorweisen. Im Alter von 42 Jahren engagiert Tomasson 1901 die zwei Bergführer Michele Bettega und Bortolo Zagonel, und mittels penibler Planung gelingt trotz Gewitter, Hagel, Steinschlag und Kälte die gewaltige Leistung der Erstbesteigung der 500 Meter hohen Marmolata-Südwand.

 

Mary Varale (1895–1963)

Sie ist eine mutige italienische Pionierin, was das Bergsteigen betrifft – von 1924 bis 1935 erklettert sie in Seilschaft oder alleine über 200 Gipfel. Unter den zahlreichen Erstbegehungen ist 1929 die Überschreitung der Vajolet-Türme in der Rosengartengruppe. Auch in den Sextener Dolomiten ist sie erfolgreich, etwa 1933 mit der Erstbesteigung der „Gelben Kante“ an der Kleinen Zinne, gemeinsam mit Emilio Comici und Renato Zanutti. Varale, aus einfachen Verhältnissen stammend, wird wegen ihrer Kletterkünste schon zu Lebzeiten zur Legende. 1935 tritt sie aus Protest gegen die Verfolgung ihrer Person als Frau und von sie unterstützenden Bergsteigern aus dem „Club Alpino Italiano“ (CAI) aus.

 

 

Kurator:

Dr. Martin Kofler, MA, geb. 1971 in Lienz/Osttirol; Studium der Geschichte in Innsbruck und New Orleans; seit 2011 Leiter des neu geschaffenen Tiroler Archivs für photographische Dokumentation und Kunst (TAP)

 

 

(Online seit 08.03.2024)

 

 

Weiterführende Literatur (Auswahl)

 

Historische Literatur

Burlingham, Frederick, How to become an Alpinist, London [1914].

Edwards, Amelia B., Untrodden Peaks and Unfrequented Valleys. A Midsummer Ramble in the Dolomites, 2nd Edition, London 1890 (1st Edition 1873).

Wundt, Theodor, Ich und die Berge. Ein Wanderleben, Berlin 1917.

 

Literatur

Casara, Severino, Preuss. L’Alpinista leggendario, Milano 1970.

Fink, Caroline/Steinbach, Karin, Erste am Seil. Pionierinnen in Fels und Eis. Wenn Frauen in den Bergen ihren eigenen Weg gehen, Innsbruck–Wien 2013.

Günther, Dagmar, Alpine Quergänge. Kulturgeschichte des bürgerlichen Alpinismus (1870–1930), 2. unver. Aufl., Frankfurt–New York 2021 (1. Aufl. 1998).

Grupp, Peter, Faszination Berg. Die Geschichte des Alpinismus, Köln–Weimar–Wien 2008.

Holzer, Anton, Mit der Kamera durch Alpen, in: Brunopolis (Hrsg.), Entdeckung einer Landschaft. Der Reisefotograf Jakob August Lorent (1813–1884) im Pustertal, Bruneck 2024, 7–28.

Köhler, Anette, Frauenbergsteigen. Auf der Suche nach einer vergessenen Seite der alpinen Geschichte, in: Alpenvereinsjahrbuch, Bd. 119 (1995), 161–168.

Reznicek, Felicitas von, Vierhundert Jahre Bergsteigerinnen, in: Alpenvereinsjahrbuch, Bd. 92 (1967), 153–161.

Piaz, Tita, Dolomiten, meine Freiheit, Bern 1966.

Piock, Richard, Berge im Fokus der Fotografen. Bergfotografie zwischen Wissenschaft, Dokumentation und Kunst, in: Kofler, Martin/Piock, Richard/LUMEN (Hrsg.), LUMEN. Museum of Mountain Photography, Iselsberg-Stronach 2019, 38–49.

Runggaldier, Ingrid, Frauen im Aufstieg. Auf Spurensuche in der Alpingeschichte, Bozen 2011.

Strobl, Wolfgang, Zu Gast in Schluderbach. Georg Ploner, die Fremdenstation und die Anfänge des Tiroler Alpintourismus, Innsbruck 2017.

 

Internet

https://www.bigwallgear.com/p/representation-of-early-women-alpinists-457 (05.03.2024)

https://www.dolomitemountains.com/en/browse-experiences/rock-climbing/women-climbing-pioneers-of-the-dolomites (05.03.2024)

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